Will ich das Hausschwein sein?

Ich esse meinen Teller leer. Immer. Mein Mann sagt, wenn ich jedes mal nur so viel essen würde, bis ich satt wäre hätte ich keine Probleme mit meinem Gewicht. Der hat gut reden. Aber recht hat er.

Ich gebe es zu, im Stillen habe ich schon oft versucht, etwas übrig zu lassen, aber wenn es dann so weit war, bin ich doch jedes mal wieder schwach geworden. Ich schaffe es einfach nicht.

Ab heute wird das anders. Ich lasse einen Rest, komme, was da wolle. Ich kann niemanden retten, wenn ich alles aufesse, am wenigsten mich selbst. Ich bin froh, wie entschlossen meine Stimme klingt, denn gerade fällt mir der Spruch ein „Ein guter Vorsatz ist ein alter Gaul, der oft gesattelt aber nur selten geritten wird“. Deshalb bekräftige ich meinen Vorsatz noch einmal: Auch wenn es noch so lecker ist, ich lasse einen Rest! Schließlich bin ich nicht das Hausschwein! 

So, das war deutlich. Erschöpft von so viel gutem Vorsatz brauche ich erst mal einen Tee und meinen Sessel. Wie ich da so gemütlich sitze, sehe ich mein nächstes Essen vor meinem inneren Auge, wie es so lecker auf meinem Teller angerichtet ist. Sogar den Duft kann ich wahrnehmen – und so ein kleines Aufleuchten im Bauchgefühl vor Vorfreude. Da fällt mir mein guter Vorsatz ein, und schlagartig erlischt die Vorfreude. Alles verkrampft sich in mir, und ich spüre Angst: Der Rest macht sich nämlich auf meinem Teller ziemlich breit, spielt sich als Herr auf und raubt mir mein Essen! Denn woher weiß ich, ab wann mein Essen ein Rest sein wird?

So eine schroffe Stimme in mir raunzt mich an: „Wenn du satt bist, natürlich!“ Aber wenn ich dabei bin zu essen, merke ich doch erst hinterher, dass es zuviel war! Zum Glück höre ich jetzt eine freundlichere Stimme: „Wie groß müsste denn überhaupt der Rest sein, damit du deinem Vorsatz treu bleiben kannst?“ Die schroffe Stimme mischt sich ein: „Je größer desto besser, das ist doch klar! Umso schneller erreichst du dein Ziel!“ – Es ist, als ob mir jemand Daumenschrauben ansetzt, nein, so geht das nicht, da mache ich nicht mit. 

Erleichtert höre ich jetzt wieder die freundliche Stimme: „Probier es aus: Wie groß könnte der Rest sein, damit es nicht schmerzt, ihn zurückzulassen?“ Oh, so viel wie ein Teelöffelchen voll, das ginge, leicht sogar! Ich stelle mir vor, wie ich das Essen genieße, der Rest ist so klein, dass ich ihn verschmerzen kann. Ich bin stolz auf mich, ich bin Herrin über mein Essen!. Und da kommt mir die Idee: Vielleicht tue ich mir eines Tages auch gleich die richtige Menge auf – dann bleibt kein Rest! 

Copyright Ellen Eggers