Norbert

Ich gehe grundsätzlich mit Einkaufszettel zum Einkaufen. Und immer esse ich vorher eine Kleinigkeit, damit ich nicht aus Hunger mehr kaufe. – Und trotzdem hatte ich immer zuviel gekauft, viel zu viel. Und das musste dann natürlich auch alles gegessen werden, und das ist nicht ohne Folgen geblieben. 

Aber seit einiger Zeit ist alles anders. Ich habe Norbert kennen gelernt, und das kam so: Ich wollte herausfinden, wie es immer wieder dazu kommen konnte, dass ich trotz Zettel und Plan zu viel kaufte, und deshalb schaute ich ganz genau hin. Da sah ich, wie bei verlockenden Dingen ein langer, stark behaarter Arm mit riesiger Pranke sich einfach die Dinge griff, nein, nicht einfach griff, abräumte und im Einkaufswagen verstaute. 

Nachdem das zum dritten Mal passiert war, schaute ich noch genauer hin, und ich sah in mir drin – den Neandertaler! Sollte sich der Steinzeitmensch über all die Jahrtausende in mir erhalten haben? Sozusagen lebendig konserviert? Ich sprach ihn an: er schaute mich kurz aus großen Augen an, stieß ein paar unverständliche Laute aus – und hatte sich schon wieder auf Beute gestürzt.

Ich gab ihm den Namen Norbert, zog ihm eine Jeans an und ein kariertes Hemd, dazu einen großen Schlapphut und ließ ihn neben dem Einkaufswagen einher laufen, damit ich ihn immer im Auge behalten konnte. 

Allmählich konnten wir uns mit einfachen Worten verständigen, und ich begriff, dass er bei der Fülle des Angebotes in eine Art Rausch verfiel. Soviel wie möglich an Beute schlagen und in die Höhle schleppen – das war sein Ziel. Als ich ihm erklärte, dass es heutzutage nicht mehr nötig sei, einen so großen Vorrat in der Höhle zu haben, sah er mich nur ungläubig an.

Seitdem nehme ich Rücksicht auf ihn. Ich lasse zu, wenn er voller Begeisterung dieses und jenes in den Einkaufswagen packt.  Ich will Geduld mit ihm haben, denn schließlich ist seine Erfahrung mit der schwierigen Nahrungsbeschaffung Jahrtausende alt, während unser Schlaraffenland erst einige Jahrzehnte dauert. 

Aber bevor es zur Kasse geht, schaue ich alles noch einmal genau an, und ich prüfe, was wirklich passt. Alles andere bringen wir zurück. So gelingt es mir, nur das zu kaufen, was und wie viel ich wirklich will.

Seitdem bin ich mit meinem Einkaufen richtig zufrieden.

 

Copyright Ellen Eggers