Einkaufs-Horrortrip

Meine Freundin Gloria und ich machen einen Stadtbummel, und wir stehen vor einem Geschäft mit wunderschönen Kostümen. Ich zögere, aber Gloria ist schon drinnen und blättert die Kostüme durch. Das attraktivste zieht sie heraus, schlüpft hinein, kommt aus der Kabine und dreht und wendet sich vor dem Spiegel. Sie sieht hinreißend aus. „Schau doch, ob du für dich auch so etwas findest!“ sagt sie munter. Ich zögere, denn ich bin aus Erfahrung nicht sehr optimistisch, aber ich trete näher heran und schaue einfach mal.

Und da ist es: das Traum-Kostüm! Es springt mir ins Auge, und ein freudiger Schreck durchzuckt mich. „Probier´s doch einfach mal an!“ ermuntert mich Gloria, während sie ihr Spiegelbild anstrahlt. Ich ergreife den Traum am Bügel, da tritt die Verkäuferin dezent neben mich und sagt leise aber entschieden: „In Ihrer Größe haben wir dieses Kostüm leider nicht da!“ Ich erstarre, sie nimmt es mir ab, und in dem Moment wirft Gloria, ohne sich von ihrem hinreißenden Spiegelbild zu trennen, einfach so die Worte in den Raum, so laut, dass es jeder hören kann: „Dann nimm doch endlich mal die paar Kilos ab, dann findest du auch etwas Schönes!“ Ihre Worte schneiden wie ein Messer mitten durch mich hindurch. Ich fühle den Schmerz, und ich fühle die Peinlichkeit. Ich schäme mich zutiefst. Meine Beine werden weich, der Kopf blutleer. Ich muss mich setzen. Zum Glück gibt es wenigstens einen Stuhl. Wie ich die Augen schließe, sehe ich mein Lebensfreude-Lämmlein mit verzerrtem Gesicht und grün vor Neid: „Gloria kriegt immer alles, was sie haben will, und wir müssen verzichten!“ „Oh nein, wir werden nicht verzichten! Gleich geht´s ins Café und dort gibt´s ein schönes Stück Sahnetorte und einen heißen Kakao!“ Abenteuer-Jack wippt auf seinen Cowboy-Stiefeln lässig vor und zurück. „Sahnetorte? Bist du wahnsinnig?“ Er wird beiseite geschoben von meinem Perfektions-Lämmlein, das wie eine Furie dazwischenfährt. „Soviel Unvernunft ist nicht zu fassen! All das fette Zeug ist doch schuld an Louisas Zuvielgewicht!“ – „Essen hält Leib und Seele zusammen!“ drängt sich mein Sicherheits-Lämmlein nach vorn, „und hier muss ja wohl erst mal die Seele getröstet werden, um wieder ins Lot zu kommen!“ Irgendwie hört sich das an wie meine Großmutter, sie hätte mich jetzt bestimmt in den Arm genommen, bevor wir in die Küche gegangen wären, um von ihrem leckeren Apfelkuchen zu essen.

„So wird das nichts, Louisa will seit Jahren abnehmen, sie muss einfach mal konsequent sein!“ – Konsequent, konsequent, ist etwa das Leben dazu da, um konsequent zu sein? Wenigstens beim Essen braucht Louisa Freiheit!“ – „Ja, und man muss sich auch mal was gönnen! Und deshalb bin ich dafür, dass wir jetzt ins Café gehen – mit Sahnetorte und Kakao!“

Alle haben offenbar gesagt, was zu sagen war. Jetzt bin ich dran. Aber es ist sonderbar: ich will jetzt gar nicht mehr ins Café. Ich will nach Hause in meinen Sessel und ganz in Ruhe für mich sein. Ich öffne die Augen: Gloria dreht sich immer noch vor dem Spiegel, niemand hat etwas bemerkt. Ich stehe auf, murmele etwas davon, dass ich einen Termin versäumt hätte und schnell gehen müsse, lasse Gloria und die Ladnerin mit offenem Mund zurück und gehe festen Schrittes nach Hause.

Als ich mit einem Tee in meinem Sessel sitze, passiert es: ich gerate in Wut. Wie konnte Gloria mitten im Laden so etwas Gemeines zu mir sagen! Mein Blut gerät in Wallung, und ich will schon zu Kühlschrank gehen, um mich wieder herunter zu bringen, da lehne ich mich zurück und sage zu mir: Ich will meine Wut nicht mehr in mich hineinfressen! Ich werde sie stattdessen aus-drücken!

Ich werde Gloria heute Abend anrufen und ihr sagen, dass ihre Bemerkung mich sehr gekränkt hat!

Ich weiß schon, was sie antworten wird: „Ach, sei doch nicht so empfindlich, das habe ich doch nicht so gemeint. Und schließlich habe ich doch Recht!“

Ich werde sagen: Das mag schon sein, aber ich möchte, dass Du weißt, dass Deine Bemerkung mich sehr verletzt hat.

Diesen Satz schreibe ich mir auf, damit ich die Sache jetzt erst einmal aus dem Kopf habe. Ich gestehe mir ein, dass ich sehr stolz auf mich bin.

Copyright Ellen Eggers