Die Rosinenschnecke

Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass ich in mir Lämmlein beherberge, und zwar einen ganzen Stall voll! Immer sind sie da – und mischen sich auf sehr ungewöhnliche Weise in mein Leben ein. Ich habe zwar herausgefunden, dass sie es durchaus gut mit mir meinen, aber leider kollidiert ihre gute Absicht meistens mit meinem Ziel, abzunehmen und gesünder zu leben. Heute ist mir folgendes passiert:

Neulich hatte ich gelesen, wir seien alle „übersäuert“, und das hat mich aufgeschreckt. Als ich nun heute in einem Geschäft ein Bund knackfrische Möhren sehe, greife ich spontan zu. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, und ich bin sehr zufrieden mit mir und meinem Kauf. Aber kurz bevor ich in meine Straße einbiege, kommt wie angeflogen ein Gedanke und macht sich in mir breit, krallt sich geradezu an jeder Gehirnwindung fest: Plötzlich kann ich nichts anderes mehr denken als „Rosinenschnecke“, und schon stehe ich vor dem Café, in dem es äußerst leckere Rosinenschnecken gibt. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, der köstliche Vorgeschmack zieht mich in seinen Bann, ich spüre das Knusprige und das Weiche und bin voller Hochgefühl und Vorfreude. Noch ein Tässchen Kaffee dazu wäre auch nicht schlecht – es wird eine wunderbare Pause werden. Die Möhren sind mir so fern gerückt, dass ich mich kaum mehr an sie erinnern kann.

Ich bemerke, dass einige meiner Lämmlein wie aufgeschreckte Hühner durcheinander laufen. Mein Lebensfreude-Lämmlein strahlt – genauso wie ich, mein Perfektions-Lämmlein schaut allerdings äußerst missbilligend drein, aber das ist mir in dem Moment ganz egal.

Als ich die Schnecke bis auf den letzten Krümel genossen habe, fragt mein Verstand: „Wie konnte das nur passieren? Du hattest dich doch für die Möhren entschieden!“ Ja, wie konnte das passieren, frage ich mich auch. „Was passiert ist, ist passiert!“ sagt mein Freiheits-Lämmlein, „Es hat keinen Zweck über vergossene Milch zu jammern!“ „Wieso vergossene Milch?“ frage ich, „ich habe die ganze große Rosinenschnecke gegessen, obwohl eine Möhre genau richtig gewesen wäre!“ „Es ist wie es ist“ antwortet es ungerührt, und ich habe den Verdacht, dass es gar nicht böse darum ist, dass ich sozusagen „ausgeflippt“ bin.

Shit happens

malt es mit Kreide an die Wand, in etwas ungelenker Weise, weil es schwierig ist, Kreide mit einem Lämmlein-Huf zu halten. Will ich mich damit abfinden? Muss ich immer so haltlos sein? „Du bist ja nicht immer so“ sagt mein Kuschel-Lämmlein, „das war eine Ausnahme!“ Aber wie kam es dazu? Da sehe ich mein Lebensfreude-Lämmlein leicht erröten, und ich frage es: „Kommst du zu kurz?“ „Nun ja, dieses freudige Hochgefühl – das möchte ich gern, dass du es öfter erlebst!“ Ich bin bereit, ihm zu verzeihen.

Aber warum war die Rosinenschnecke stärker als die Möhren?

Am nächsten Morgen kommt mir dazu eine Idee. Kaffee und Kuchen sind in meiner Erinnerung mit einer besonderen, freudigen Stimmung verbunden. Dafür gibt es also schon „gut eingefahrene“ Verknüpfungen in meinem Gehirn, sodass allein schon der Gedanke an Kaffee und Kuchen Lebensfreude auslöst.

Möhren sind eben „gesund“ und eine Verknüpfung mit dieser besonderen Art von „Lebensfreude“ muss ich jetzt erst neu herstellen.

Meine Phantasie hilft mir, eine solche Szenerie aufzubauen, die eine Verbindung von Möhren zu Lebensfreude ermöglicht. Wir gestalten einen eigenen Werbespot – und in der Werbung darf man ruhig ein wenig übertreiben.

Ich stelle mir also vor, ich sitze in einer wunderbaren Umgebung. Abenteuer-Jack ist in die Rolle des perfekten Butlers geschlüpft: „Wir servieren Ihnen hier eine köstliche Spezialität in Premium-Qualität. Schmecken Sie die aromatische Süße! Achten Sie auf die prächtige Farbe!“ Mein Perfektions-Lämmlein hat sich einen Arztkittel übergeworfen und sagt mit beschwörender Stimme: „Sie werden spüren, wie diese Möhre jede Ihrer Zellen erneuern und beleben wird!“ Ich spüre ein zartes Vibrieren im Bauch und meine, die heilende Wirkung schon zu fühlen. Ich schaue nach innen und sehe tatsächlich warmes Licht durch meinen Körper strömen.

Das ist offenbar das Geheimnis: je lebhafter, farbiger und schöner ich mir etwas vorstelle, desto attraktiver wird es.

Jetzt habe ich richtig Lust auf die Möhre bekommen!

Mir ist klar, dass ich dieses Möhren-Hochgefühl-Training öfter wiederholen muss, damit es leicht und ganz schnell geht. Aber alle Lämmlein wollen gern mitmachen. So wird es gehen.

Copyright Ellen Eggers