Der Kaiserschmarrn
Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass ich in mir Lämmlein beherberge, und zwar einen ganzen Stall voll! Immer sind sie da – und mischen sich auf sehr ungewöhnliche Weise in mein Leben ein. Ich habe zwar herausgefunden, dass sie es durchaus gut mit mir meinen, aber leider kollidiert ihre gute Absicht meistens mit meinem Ziel, abzunehmen und gesünder zu leben. Heute ist mir folgendes passiert:
Als freier Mensch habe ich vor wenigen Stunden das schönste Gasthaus in Tirol betreten – und nun bin ich gefangen. Vor mir steht der köstlichste Kaiserschmarrn meines Lebens – und ich kämpfe mit den Tränen. Der Wirt schaut zu mir herüber, und schnell ziehe ich die Mundwinkel hoch und lächle. Hoffentlich merkt er nicht, wie gequält mein Lächeln ist, denn er ist sehr stolz auf die exzellente Qualität seiner Speisen. Mechanisch schiebe ich einen Löffel nach dem anderen in den Mund, mein Bauch dehnt sich schmerzhaft, aber ich muss weiteressen. Ich muss.
Denn in mir schaut mich mein Harmonie-Lämmlein mit so flehenden Augen an, dass es mir das Herz zerreißt. „Iss schön weiter!“ bittet es, „gleich hast Du es geschafft!“
Mein Perfektions-Lämmlein zetert: „Wie kannst Du Dich nur so voll stopfen! Wie soll das denn weitergehen? Euer Urlaub hat doch gerade erst angefangen!“
Mein Bedenken-Lämmlein ist hin und her gerissen: "Eigentlich solltest Du aufhören – aber stehen lassen geht auch nicht.“
Mein Freiheits-Lämmlein stampft mit den Hufen auf und ist mindestens so verzweifelt wie ich, „Freie Essenswahl für freie Menschen in einem freien Land!“ hatte es vorhin noch getönt, als ich mir die recht üppige Spezialität des Hauses – Hähnchen-Pfanne mit Salat – bestellt hatte. Jetzt sind alle Lämmlein zurückgedrängt hinter den großen flehentlich auf mich gerichteten Augen meines Harmonie-Lämmleins, und ich muss weiter essen.
„Du hättest Dir doch etwas vom Hähnchen einpacken lassen können“, sagt mir mein Verstand und fährt fort: „Du hast doch mit dem Hauptgericht schon kämpfen müssen!“
Jetzt steigt Empörung in mir hoch: Wie hätte ich wissen können, dass noch dieser Kaiserschmarrn kommt?! Da sind alle still. Der Kaiserschmarrn ist nämlich ein Geschenk des Hauses. Der Wirt hat ihn mir persönlich als Nachtisch gebracht. Für treue Gäste, hat er gesagt. Er hat so liebenswürdig dabei gelächelt – und da hätte ich sagen sollen ‚Nein, vielen Dank, ich bin satt!’? Unmöglich! „Du kannst ihn nicht kränken!“ hat mein Harmonie-Lämmlein geflüstert. Und jetzt drängt es mich sanft aber bestimmt: „Iss schön weiter, gleich hast Du es geschafft! Denk dran, Du willst doch wiederkommen können in dieses schöne Lokal! Und verdirb Dir nicht die Urlaubsstimmung!“
Wut steigt in mir hoch, ich ärgere mich über mich selbst. Wie kann ich mich nur so beeinflussen lassen? Was ist wichtiger? Dass der Wirt zufrieden ist – oder dass ich mich um mein Wohlbefinden kümmere? Was wird jetzt aus dem schönen Abend? Ich werde mich in unsere Pension schleppen und schwer ins Bett sinken, den giftigen Zorn in mich hineinfressen – zu Hähnchen-Pfanne und Kaiserschmarrn hinzu – und darauf hoffen, dass am anderen Morgen alles wieder gut sein wird.
Mit diesem Gedanken wache ich auf – puh, es war nur ein Albtraum. Und heute ist unser erster Urlaubstag. Heute Abend gehen wir aus – wieder wie im letzten Urlaub – in dieses schöne Tiroler Gasthaus.
Und wie wird das heute werden? Die Hähnchen-Pfanne ist klar, die gestehe ich mir zu. Aber ich weiß ja nicht, ob wieder so ein üppiges „Geschenk des Hauses für treue Kunden“ kommt wie letztes Jahr. „Du kannst den Wirt doch nicht vorher danach fragen! Das wäre einfach unverschämt und peinlich“, sagt mein Harmonie-Lämmlein, „aber Du kannst ein Geschenk auch nicht ablehnen, das wäre noch peinlicher und würde die Stimmung verderben!“ Alle anderen Lämmlein sind still, weil sie auch keine Lösung wissen. Ich trinke meinen Tee, genieße die Aussicht, schiebe die Gedanken zurück.
Bei unserer Wanderung kommt mir plötzlich die Idee: Ich werde heute Abend mit dem netten Wirt sprechen. Und zwar werde ich ihn um Rat fragen. Schließlich gibt jeder Mensch gern einen Rat.
Ich lege mir also meine kleine Rede zurecht:
"Letztes Mal habe ich die leckere Hähnchen-Pfanne gegessen, und danach haben Sie uns noch mit dem wunderbaren Kaiserschmarrn verwöhnt. Beides war köstlich – aber es war einfach zu viel, denn hinterher tat mir der Magen weh. Wie könnten wir es heute machen, so dass es nicht zu viel wird? Beides, aber jeweils eine kleinere Portion? Oder ich komme für den Kaiserschmarrn einmal extra am Nachmittag?"
Schließlich will der Wirt ja auch, dass es mir nach dem Essen gut geht und ich freudig wieder komme. Wie soll er wissen, dass es mir zu viel war?
Mein Harmonie-Lämmlein ist nicht ganz überzeugt von dieser Lösung: „Ich finde es nicht schlecht, aber Du wirst Dir komisch vorkommen, das haben wir doch noch nie gemacht!“
Das stimmt, wahrscheinlich werde ich mir komisch vorkommen, aber trotzdem werde ich es so machen. Ich spüre ein schönes kraftvolles Gefühl in mir aufsteigen, weil ich nicht mehr hilflos ausgeliefert bin, sondern die Sache in die Hand nehme. Mein Perfektions-Lämmlein nickt anerkennend, Abenteuer-Jack ist gespannt auf dieses Abenteuer der besonderen Art. Mein Lebensfreude-Lämmlein ist erleichtert – und ich bin stolz auf diese gute Lösung!
Copyright Ellen Eggers