Ärger mit dem Chef

Drei Mal in dieser Woche Ärger mit dem Chef – und drei Packungen Kekse für nichts und wieder nichts! Heute hat er sich wieder furchtbar aufgeregt und mir heftige Vorwürfe gemacht, die ich total übertrieben finde. Aber statt ihm den Hals umzudrehen oder ihm zumindest die Zunge rauszustrecken oder ihn ebenso laut anzubrüllen, war ich wie gelähmt. Und als er endlich das Zimmer verlassen hatte, habe ich wie fremdgesteuert zu einer Packung Kekse gegriffen und sie in mich hineingestopft, restlos bis zum letzten Krümel. Daraufhin konnte ich weiter arbeiten.

Aber jetzt bin ich zu Hause, bis zum Hals voll Wut, so voller Wut und Erbitterung über mich und die Kekse, dass ich glatt eine weitere Packung vertilgen würde, aber zum Glück habe ich nichts dergleichen im Haus. Stattdessen mache ich mir einen Tee und setze mich damit in meinen Sessel. So geht es nicht weiter! Fehler können immer wieder passieren, und Kekse sind keine Lösung!

Was ich mir wünsche, ist einfach ein bisschen mehr Gelassenheit. Ja, Gelassenheit, das ist es, was ich in solchen Situationen haben möchte. Wie ich so darüber nachdenke und meinen Tee schlürfe, höre ich meine inneren Stimmen, wie sie sich auch so ihre Gedanken machen:

-        Na ja, Gelassenheit hast du dir schon oft gewünscht – aber stets haben die Kekse gesiegt!

Ich: Ja, aber jetzt soll, ja muss es anders werden!

-        Anders – wie anders? Anders haben wir es nicht gelernt!

Ich: Nun, dann wird es Zeit. Andere Leute schaffen es doch, gelassen zu bleiben – warum ich nicht?

-        Nun, vielleicht rauchen andere stattdessen oder lassen ihre Wut an ihren Kindern aus!

Ich: Das sind Ausflüchte, die lasse ich nicht gelten!

-        Du solltest eher lernen, dich besser durchzusetzen, dann brauchst du keine Gelassenheit! Das ist mein innerer Antreiber, unverkennbar.

Ich: Durchsetzen ist keine gute Lösung. Ich möchte jetzt wissen, wie ich es erreiche, gelassen zu bleiben! - Ich bin stolz auf die Entschiedenheit in meiner Stimme

-        Nun, wenn du es so machst, wie du es immer machst, wirst du auch das bekommen, was du schon immer bekommst – also mach es einfach mal anders!

Ich: Ja, natürlich anders, aber wie?         

-        Nun, du sitzt doch jetzt hier gemütlich mit deinem Tee und hast Abstand zu den Dingen – lass uns doch einfach mal etwas anderes gedanklich ausprobieren!

 

Ruckzuck ist ein großer Bildschirm installiert, und meine Phantasie führt mir verschiedene Szenen vor:

1)    Ich, wie ich so tue, als ginge mich das Geschrei des Chefs gar nichts an. - Keine Gelassenheit spürbar.

2)    Ich, wie ich meinerseits türknallend den Raum verlasse. - Noch weniger Gelassenheit in mir.

3)    Ich, wie ich ihm die Kündigung vor die Füße werfe. - Schon gar keine Gelassenheit.

 

Zumindest habe ich mich jetzt abreagiert und kann die Situation sachlich betrachten: Ein Fehler ist passiert, und ich möchte eigentlich, dass er ausgebügelt wird, dass die Sache möglichst schnell wieder in Ordnung kommt – und zwar in Gelassenheit. 

Was würde mir jemand raten, der es gut mit mir meint? Sofort sehe ich eine neue Szenerie auf meinem Bildschirm: Ich stehe schön grade, schaue meinen Chef professionell und sachlich an, passe eine Atempause ab und frage nach, was genau er verbessert haben möchte. Da hört das Schimpfen auf. Ich sehe uns beide beschäftigt, den Fehler zu beseitigen. Ich, zuerst noch ein bisschen aufgeregt, aber dann tatsächlich selbstverständlich und gelassen. Ich gehe die Situation noch ein paar Mal durch, bis es „sitzt“. Ja, so gefällt es mir. Ich fühle mich stark, stärker als mein Chef, der nichts anderes als brüllen kann, wenn er sich ärgert. Ich bin gespannt, wie er reagiert – und ich glaube, ich brauche die Kekse nicht. 

Copyright Ellen Eggers