Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber seit dem letzten Sommer beherberge ich in mir Lämmlein, einen ganzen Stall voll! Ob ich die Augen schließe oder öffne, beim Gehen, Sitzen oder Stehen, sie sind immer dabei und mischen sich auf eine sehr ungewöhnliche Weise in mein Leben ein. Heute ist mir folgendes passiert:

Gloria winkt mir von der gegenüberliegenden Straßenseite munter zu und joggt Richtung Park. Ihre Munterkeit und Frische gibt mir einen Stich, denn ich fühle mich nicht so frisch und munter, ich jogge ja auch nicht. Bin ich faul, weil ich nicht jogge und walke? Mein Perfektions-Lämmlein wagt es glücklicherweise nicht, dem zuzustimmen und mich faul zu nennen. Mein Harmonie-Lämmlein sagt beschwichtigend: „Du machst so viele andere Dinge. Eigentlich bist du sogar den ganzen Tag auf Trab!“ „Das gilt nicht!“ bemerkt das Perfektions-Lämmlein spitz, „Sophia sollte auch locker, leicht und mit einem Lächeln im Gesicht durch den Park joggen!“ Ich spüre, wie ich unter Druck gerate und mich klein fühle. Da springt mein Rettungs-Lämmlein herbei und geleitet mich zu meinem Sessel. Ich atme auf und ich atme durch. Aus seinem Erste-Hilfe-Köfferchen holt es ein großes rotes Gummibärchen zum Naschen, und ich fühle, ich bin gerettet. Da sehe ich mein Kuschel-Lämmlein, wie es auf seinen Vorderbeinen ein Tablett balanciert mit einer wunderbar duftenden Tasse Kaffe darauf und einigen köstlichen Waffelröllchen. Ich beginne zu entspannen, aber mein Perfektions-Lämmlein gibt keine Ruhe: „Gloria ist fit, Du nicht!“ Jetzt wird es meinem Lebensfreude-Lämmlein zu bunt. Es baut sich vor dem Perfektions-Lämmlein auf, versucht, eine drohende Haltung einzunehmen und wilde Blitze aus den Augen schießen zu lassen, soweit ihm das möglich ist, und trumpft auf: „Aber im Urlaub geht Sophia gern stundenlang am Meer entlang oder kraxelt sogar auf Berge, wenn sie nicht allzu hoch sind!“ „Im Urlaub!“ erwidert das Perfektions-Lämmlein voller Verachtung, „und wie oft ist Urlaub?“ Da kapituliert mein Lebensfreude-Lämmlein und zuckelt hilflos mit gesenktem Köpfchen zurück. Inzwischen hat mir mein Trost-Lämmlein schon ein paar leckere Pralinchen gereicht, damit ich mich nicht ärgern soll, aber ich bin einfach wütend, und aus Trotz esse ich alles auf. Ich lehne mich zurück und denke, ich möchte mich zu Hause öfter einmal gehen lassen, mal einfach faul sein. Ich möchte nicht immer noch mehr tun müssen. Da kommt mein Freiheits-Lämmlein nach vorn gestürmt, das ganze Fell mit roter Farbe verschmiert, und auf seine Fahne hat es in großen ungelenken Buchstaben geschrieben:

„Faul sein dürfen ist Menschenrecht!“ Ich fühle mich neu belebt durch seine Unterstützung und setze mich auf. Da sehe ich ein Lämmlein in mir, das ganz anders aussieht als alle anderen: abgehärmt, verfilztes, schmutziges Fell, rote Augen, und mit kläglicher Stimme sagt es: „Ich muss immer ganz hinten im Stall bleiben, nie darf ich raus. Alle anderen drängen mich zurück und beschimpfen mich, weil ich faul sei. Dabei will ich doch nur, dass wir uns einfach mal gehen lassen, nicht immer planen, nicht immer so viel vorausdenken, sondern einfach nur uns gehen lassen!“ Es sieht so bekümmert aus, dass es mir zu Herzen geht, aber in dem Moment wird es wieder zurückgedrängt, und mein Zeithüter macht sich vorne breit: „Lass uns lieber die Zeit für etwas Sinnvolles nutzen! Ich habe diesen nutzlosen, schmutzigen Jammerlappen erst mal wieder nach hinten befördert!“ Mir geht noch das Bild dieses traurigen Lämmleins nach, und ich überlege:

Ist auch ‚sich gehen lassen’ Menschenrecht?

Und ich probiere einfach mal, mich ‚gehen zu lassen’. Es fühlt sich gut an, und ich spüre, dass ich so näher bei mir selbst bin. Da traut sich das Lämmlein wieder hervor, und es sieht gar nicht mehr schmutzig aus, sein Fell ist jetzt lockig und weiß. Ich glaube, das gehört auch zu mir, dass ich mich ab und zu ‚gehen lasse’, und ich zwinkere dem Lämmlein verschwörerisch zu. Am nächsten Tag bitte ich alle zu einer Konferenz. Ich verkünde laut und deutlich, dass ich mich von jetzt an ab und zu mal gehen lassen möchte – ohne schlechtes Gewissen! Da kommt mein Bedenken-Lämmlein bedächtig nach vorn, die Stirn in tiefe Falten gelegt: „Wie soll das denn gehen? Wir haben doch jetzt schon keine Zeit übrig! Und wo sollte das überhaupt stattfinden?“ und es schüttelt bedenklich sein Haupt und die Furchen in seinem Gesicht vertiefen sich noch mehr. Ich schaue alle Lämmlein nacheinander solange an, bis sie nachgiebig und weich werden. Dann lege ich alle Festigkeit in meine Stimme, sodass spürbar wird, dass ich keinen Widerspruch mehr dulde: „Macht euch Gedanken!“ sage ich, und da machen sie sich Gedanken, wann eine gute Zeit dafür sein könnte, und welches der beste Ort dafür sei.

Schließlich bin ich die Herrin in meinem Haus – oder etwa nicht?

 

 

copyright Ellen Eggers